Tethering – Was, warum, wann und wie?

Wir alle kennen diese Szene aus professionellen Shootings: Während die Fotograf(in) mit der Kamera durch das Studio turnt, hängt eine kleine Menschentraube vor einem Bildschirm im Hintergrund und schaut sich die entstehenden Fotos an – der breiten Masse nicht zuletzt durch Heidi Klum in einer beliebigen Folge von Germanys next Topmodel bekannt J. Was wir hier sehen – die sofortige Bereitstellung der aufgenommenen Fotos auf einem Computer – nennt man Tethering, zu Deutsch: „Anbinden“. Der technische Prozess ist dabei denkbar einfach: Die Kamera nimmt ein Foto auf und überträgt dieses unmittelbar in einen festgelegten Ordner auf dem angeschlossenen Computer – mit oder ohne Kabel. Hier übernimmt dann die Software um das Foto darzustellen, ggf. aber auch direkt zu bearbeiten. Aber warum ist diese Technik so hilfreich und beliebt? Gehen wir die Vorteile einmal durch:

  1. Deine Kamera lügt

Klingt extrem, aber kommen dir diese Situationen bekannt vor? Das auf der Kamera knackscharfe Portrait wirkt auf dem großen Monitor auf einmal leicht unscharf. Die perfekte Belichtung der Nachtaufnahme ist am heimischen PC doch etwas unterbelichtet. Und die Farben wirken manchmal viel flauer. Hierfür gibt es zwei Gründe: Zum einen betrachten wir an der Kamera die Fotos auf einem winzigen, ca. 1 Megapixel, nicht kalibrierten Bildschirm. Aussagen über Schärfe, Belichtung und Farben sind damit kaum möglich. Zum anderen zeigt die Kamera nie das Original Foto, sondern eine verkleinerte JPEG-Vorschau an – auch wenn in RAW fotografiert wird. Der Vorteil von Tethering: die Darstellung der tatsächlichen Aufnahme auf einem vernünftigen Ausgabegerät bewahrt im Nachgang vor bösen Überraschungen.

  1. Das Foto ist mit der Aufnahme nicht fertig

Cinematic Look, High & Low Key oder eine Aufnahme im klassischen Schwarz Weiß, ja selbst auf Instagram – Fotos sind mit der Aufnahme niemals fertig. Auch natürliche Fotos werden nachbearbeitet. Gerade in Shooting-Situationen sollte die Fotograf(in) bei aller Spontanität ein grobes Ziel vor Augen haben: ein cleaner Look für die Arztpraxis, ein warmer Touch für das gemütliche Café. Diese Looks kann ich beim Tethering während der Aufnahme verlustfrei auf meine Fotos anwenden und so besser abschätzen, ob die Aufnahmen meinen Ansprüchen gerecht werden können.

  1. Workflow

Je größer man ein Projekt aufzieht, desto mehr Menschen sind beteiligt. Model, Visagist(in), nicht zuletzt der Kunde. Das Ergebnis für alle sichtbar zu machen, kann(!) die Arbeit für alle erleichtern. Allein die Lagebesprechung auf einem Monitor statt dem winzigen LCD-Screen fällt so schon viel angenehmer aus.

  1. Sicherheit

Habt ihr die Diskussion um die (fehlenden) 2. Karten-Slots bei Canon EOS R und Nikon Z mitbekommen? Die nicht unbegründete Angst: SD-Karten können kommentarlos den Geist aufgeben. Sind alle Fotos weg ist das ärgerlich, bei einem Auftrag fatal. Wer tethered arbeitet kopiert seine Fotos gleich von der Kamera auf den Computer, zusätzlich zu der / den SD-Karten. Das gibt Sicherheit.

 

Gründe für Tethered Shooting gibt es also einige, aber etwas zu beachten auch. Denn es ist eine zusätzliche Aufgabe für eure Kamera die Bilder bereitzustellen und das bedeutet in letzter Konsequenz zusätzlichen Energieverbrauch. Seid also mit einem zusätzlichen Akku auf eine etwas kürzere Lebenszeit eurer Batterien vorbereitet. Niemand will jemals „ohne Saft“ dar stehen. Viel wichtiger aber: lasst euch vom Tethering nicht ablenken! Gerade in dynamischen Situationen – also immer bei der Arbeit mit Menschen – ist ein ständiges überprüfen von Details, egal auf welchem Bildschirm, störend und je nach Persönlichkeit für die Fotografierten auch verunsichernd. Überprüft eine neue Shooting-Situation einmal und zieht die Session dann durch. Nur die Balance zwischen Technik und Gefühl bringt gute Ergebnisse.

Bleibt die Frage: Wie schwer ist Tethering? Und die Antwort in der heutigen Zeit: Es ist denkbar einfach!

Auf Seiten der Hardware braucht es eine einzige Zusatzinvestition, und das ist ein Kabel. Es reicht prinzipiell das Kabel, mit dem ihr eure Kamera eh an den Rechner anschließt – auch wenn das im Normalfall zu kurz für die Arbeit im Studio sein dürfte. Das eure Kamera Tethering unterstützen muss ist natürlich klar. Das findet ihr recht einfach im Handbuch oder bei Google heraus. Hier z.B. eine Liste von Canon-Kameras: https://www.tethertools.com/tethering-software/canon-eos-utility/

Wer möchte oder häufig im Studio fotografiert kann auch spezialisierte Lösungen zurückgreifen, die die Fotos kabellose an den Rechner übertragen. Hier werden aber zum Teil saftige Preise aufgerufen.

Jetzt braucht es noch die entsprechende Software auf Seite eures PCs. Hier gibt es eine große Auswahl an Programmen, von kostenlos über properitär bis hin zu professionellen Komplettlösungen. So bieten viele Hersteller (Sony, Canon, Nikon, Fujifilm…) eigene Programme für Tethered Shooting an. Weiterhin gibt es kostenlose, offene Lösungen wie digiCamControl oder SofortBild. Und natürlich zuletzt die Platzhirsche der digitalen Bildverwaltung: Lightroom und PhaseOne. Viele nicht offiziell unterstützte Hersteller (wie z.B. Fujifilm bei Lightroom) bieten auch kostenlose Plug-Ins an, um ihre Kameramodelle ebenfalls anzubinden.

Geht man davon aus, dass Kamera und Computer vorhanden sind, sind die Kosten für den Einstieg in Tethered Shooting denkbar gering.

Fassen wir also zusammen: Tethering beschreibt einen Workflow, bei dem die Kamera die letzte Aufnahme automatisch einer verarbeitenden Software auf einem angeschlossenen Computer zur Verfügung stellt. Dabei kann man nahezu kostenlos mit freier Software und einem einfachen Kabel starten und fließend zu professionellen Komplettlösungen auf kabelloser Basis skalieren. Und es gibt gute Gründe, ein Shooting Tethered aufzuziehen: bestmögliche Kontrolle über das Ergebnis, Sicherheit, verbesserte Zusammenarbeit. Achtet man beim Shooting auf die richtige Balance zwischen Technik und Fotografie sowie die ausreichende Stromversorgung, steht einem gelungenen Projekt nichts im Wege. Kurz: wer es noch nicht probiert hat, sollte es spätestens jetzt einmal tun.

Wer abschließend Hilfe bei seiner Kamera / Software-Kombination braucht, sei an YouTube verwiesen: Kamerahersteller + Software + „Tethering“ in der Suchzeile sollten euch eine Vielzahl spannender Videos als Einstieg ins Thema zur Verfügung stellen.

Gutes Licht,

eure Fotografen-Welt

 

Schreibe einen Kommentar